21.05.2008 15:25 Alter: 182 Tage

Intercultural City Neukölln

Kategorie: Kultur, Politik, Soziales

VON: MP

Der Berliner Bezirk Neukölln wurde als einzige deutsche Kommune und eine von elf europäischen Städten von Europarat und EU-Kommission für das Programm "Intercultural Cities" ausgewählt. Das Programm erforscht die Potentiale kultureller Vielfalt und entwickelt politische Strategien, um diese nutzbar zu machen.

Am 18. und 19. Februar 2008 besuchte eine dreiköpfige Expertengruppe des Europarates Neukölln und überzeugte sich in Gesprächen mit der politischen, bürgerschaftlichen und Verwaltungsebene von den Aktivitäten, die im Bezirk Neukölln bereits zur Förderung der kulturellen Vielfalt unternommen werden, mit dem Ergebnis, dass Neukölln als Projektpartner ausgewählt wurde.
Einen ausführlichen Bericht über den Besuch und dessen Resultate finden Sie hier.

Neukölln zählt 303.000 EinwohnerInnen aus 165 verschiedenen Staaten. Aufgrund seiner polymigrantischen Bevölkerung gilt der Stadtteil als  "sozialer Brennpunkt". In den Medien wird Neukölln meist mit negativen Schlagzeilen wie (Jugend)Kriminalität und Arbeitslosigkeit unter der migrantischen Bevölkerung in Verbindung gebracht. Die BewohnerInnen Neuköllns sehen diese Probleme durchaus, beklagen sich aber über das grundsätzliche Desinteresse der Medien und die einseitige, fast ausschließlich negative Berichterstattung. Dass es im Bezirk auch eine "weiße" deutsche Arbeiterschicht gibt, die in Armut und prekarisierten Verhältnissen lebt, gerät kaum in den Blick. Eine der Schlüsselachsen der Arbeit  am interkulturellen Projekt in Neukölln, so hält es der Bericht fest, wäre die Entwicklung einer verständlichen Kommunikationsstrategie um besseren Nutzen aus den vielen exzellenten Projekten und Initiativen zu ziehen und ein positives Image der Stadt, basierend auf dem kreativen Umgang mit Vielfältigkeit, aufzubauen."
 
Im Bericht des Europarates nach dem Berlin-Besuch in Februar 2008 wird die Situation so beschrieben: "Die Problematik der Situation in Neukölln begründet sich nicht so sehr in dem hohen migrantischen Bevölkerungsanteil, sondern vielmehr in der Konzentration einer Unterschicht mit geringen wirtschaftlichen Ressourcen und wenig Chancen über Beschäftigung in die deutsche Gesellschaft integriert werden zu können oder wie einer der Beteiligten in Neukölln es ausdrückt: „Wir haben hier kein kulturelles Problem, wir haben ein soziales Problem.“ 

Projekte, die die Frage der wirtschaftlichen Integration von Migrant/innen als eine Frage der kulturellen Integration angehen, seien daher der falsche Weg. Statt einer kulturalistischen Sichtweise sollten interkulturelle Beziehungen als Teil eines größeren "sozio-ökonomischen" Kontextes gesehen werden.
Kritisiert werden die komplexen und schwierigen Vorgänge, mit denen Migrant/innen bei der Anerkennung von Qualifikationsnachweisen konfrontiert sind. Außerdem sind sie meist gezwungen, unqualifizierte Arbeiten zu verrichten, obwohl sie Abschlüsse und Erfahrungen in anderen Bereichen haben. Hier wird ein einheitliches Anerkennungsverfahren für Kompetenzen gefordert.

Was das Programm genau bedeutet ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch unklar. Das Programm behinhaltet keine genauen Vorgaben und auch auch die finanzielle Ausstattung mit 800.000 Euro ist eher dürftig. Dennoch erhofft man sich eine Imageveränderung des Bezirks. Im nördlichen Neukölln ist eine solche Veränderung bereits im vollen Gange. Immer mehr Küstler/innen suchen hier Wohnungen, Galerien, Kneipen und Aeliers strömen in das Viertel. Diese Prozesse - auch als Gentrifizierung bekannt - sind aber nicht unumstritten. Die damit einhergehenden Mitpreissteigerungen verdrängen in der Regel die ursprüngliche Bevölkerung und schlussendlich wird es zum Rückzugsort für Reiche. Eine große Herausforderung dürfte darin liegen, dem bereits in den Anfängen entgegen zu wirken und eine soziale Ausgewogenheit der Bevölkerung zu sichern.

Am 3. Mai 2008 wird in Liverpool die Auftaktkonferenz für das Projekt stattfinden, bei der die beteiligten Städte Lyon (Frankreich), Greenwich (Großbritanien), Reggio Emilia (Italien), Nêuchatel (Schweiz), Lublin (Polen), Subotica (Serbien), Melitopol (Ukraine), Craiova (Rumänien), Izhevsk (Russland), Stavropol (Russland), Patras (Griechenland) und Berlin-Neukölln erstmals zusammentreffen werden.

Danach wird der Bezirk Neukölln im Austausch mit den anderen Städten und mit Unterstützung des Europarates eine Strategie für die interkulturelle Stadt Neukölln erarbeiten. Vertreter der Neuköllner Bezirksverwaltung, von Nichtregierungsorganisationen und der Zivilgesellschaft werden in diesen Prozess einbezogen werden und in verschiedenen Modulen diese interkulturelle Strategie erarbeiten. Themen werden hier unter anderem die interkulturelle Jugend- und Bildungsarbeit, Kultur als integrativer Faktor, ethnische Ökonomie, die interkulturelle Öffnung der Verwaltung und bürgerschaftliches Engagement sein.

Ansprechpartner im Bezirksamt Neukölln von Berlin:

Verwaltung des Bezirksbürgermeisters, Europabeauftragte
Franziska Süllke, Tel. 6809 2592, Email franziska.suellke(att)ba-nkn.verwalt-berlin.de

Verwaltung des Bezirksbürgermeisters, Migrationsbeauftragter
Arnold Mengelkoch, Tel. 6809 2951, Email arnold.mengelkoch(att)ba-nkn.verwalt-berlin.de

Weitere Infos zum Projekt finden Sie auf der Homepage des Europarates unter www.coe.int/interculturalcities

Ausführlicher Bericht des Europarates

taz vom 1.4.2008: Neukölln wird europäisch