12.12.2007 19:28 Alter: 343 Tage

Bleibt wo ihr seid!

Kategorie: Politik, Soziales

VON: MP

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) will Menschen in Afrika mit TV-Werbespot abschrecken, nach Europa zu kommen

„Leaving is not always living“ ist im Abspann eines TV-Werbespots zu lesen, der zur Zeit in Kamerum und Nigeria über die Bildschirme flimmert. Ein junger Afrikaner ruft seinen Vater in der Heimat, in Kamerun, an und erzählt ihm von seinem Leben in der Schweiz. „Ich bin den ganzen Tag durch die Stadt gelaufen“, erzählt er seinem Vater am Telefon, während eine Verfolgungsjagd mit der Polizei eingeblendet wird. Mit Freunden wohne er  zusammen, fährt er fort – und der Zuschauer/in sieht den Mann wie er in einem Obdachlosenlager kauert und betteln muss. Die Botschaft des knapp zwei Minuten dauernden Spots ist klar: Bleibt, wo ihr seid! In drastischen Bildern wird den Afrikaner/innen vorgeführt, was sie nach der Flucht ins vermeintliche Paradies Europa erwartet – nämlich Not und Elend. Der Abschreckungspot ist Teil einer so genannten Sensibilisierungskampagne der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Finanziert wird die Kampagne, die bis heute 105 Millionen Euro gekostet hat, vom Schweizer Bundesamt für Migration (BMF) und der Europäischen Union.

Andreas Halbach vom deutschen IOM-Büro in Berlin erklärt, „Es geht nicht um Abschreckung, sondern um Sensibilisierung." Der Spot sei Teil einer umfassenden Aufklärungskampagne über die Gefahren irregulärer Migration in den afrikanischen Ländern. „Viele Afrikaner halten Europa für ein goldenes Paradies, in dem Milch und Honig fließen. Über die wahre Situation von Einwanderern sind sie sich nicht bewusst, so Halbach. Mit dem Film wolle man explizit „Wirtschaftsflüchtlinge“ ansprechen, Rechte politischer Flüchtlinge würden nicht in Frage gestellt. Im Film ist von dieser Trennung – ob eine solche Trennung überhaupt Sinn macht, sei dahingestellt - allerdings nicht hingewiesen.

Der Spot hat inzwischen Kritiker auf den Plan gerufen. Als „primitive und populistische Abschreckungskampagne“ bezeichnet Bernd Mesovic von der Hilfsorganisation Pro Asyl den Spot. Es sei naiv zu glauben, dass sich Menschen in wirtschaftlicher oder politischer Not, von so einem Film abhalten ließen, ihr Land zu verlassen. Der Kritik haben sich auch Amnesty International und andere Organisationen angeschlossen.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) ist eine der maßgebenden, weltweiten Hilfsorganisationen im Migrationsbereich. Sie entstand 1951 aus den Aktivitäten des "International Refugee Committee" (IRC). IOM ist keine UNO-Organisation, aber von Mandat, Struktur und Arbeitsweise her vergleichbar, hat Beobachterstatus bei der UNO-Vollversammlung und arbeitet sehr eng mit vielen UNO-Organisationen zusammen.

Die Arbeit der IOM steht immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik von  Menschenrechtsorganisationen und Antirassistischen Gruppen. Vorgeworfen wird der Organisation, dass sie nach wirtschaftsorientierten Prinzipien agiere und vor allem in der Fluchtverhinderung tätig sei und die Abschiebung von Flüchtlingen in unsichere Länder wie Afghanistan und Irak organisiere und unterstütze. Die IOM beansprucht für sich, "Migration zum Nutzen aller zu managen" und dabei "die Menschenwürde und das Wohlergehen von Migranten aufrechtzuerhalten". Zahlreiche Beispiele wiederlegen dies inzwischen.

Die Internationale Organisation für Migration – im Fadenkreuz der Kritik

International Organization for Migration (IOM) - Die Fluchtverhinderer (Artikel von Ivo Bozic, erschienen in Jungle World 9. Oktober 2002)

Interview mit IOM-Generaldirektor Brunson McKinley

Internationale Organisation für Migration