19.09.2009 11:23 Alter: 356 Tage

Studie zum Einfluss kultureller Unterschiede auf weltweite Konflikte

Kategorie: Kultur, Soziales

VON: HK

Anders als häufig behauptet sind kulturelle Unterschiede für die Mehrheit der weltweiten Konflikte und Gewalt nicht ursächlich. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung.

Laut der empirischen Studie mit dem Titel "Kultur und Konflikt in globaler Perspektive – Die kulturellen Dimensionen des Konfliktgeschehens 1945-2007" verstärken kulturelle Unterschiede zwar oftmals Konflikte, sind aber zumeist nicht die eigentliche Ursache. Trotz der deutlichen Zunahme von Konflikten, die als kulturell bedingt  wahrgenommenen werden, kommen die Autoren der Studie insgesamt nicht zu einer pessimistischen Prognose. Solche Konflikte seien weitgehend innerstaatliche Phänomene ohne zwischenstaatliche Dimensionen.

Als Grundlage der Studie diente eine Auswertung aller seit dem Jahre 1945 weltweit registrierten Konflikte und die Bewertung ihrer Ursachen und Intensität durch Konfliktforscher der Universität Heidelberg. Danach habe die Anzahl der kulturell bedingten Konflikte im Verlauf der vergangenen Jahre deutlich zugenommen und erreiche gegenwärtig einen vorläufigen Höhepunkt. Über den gesamten Untersuchungszeitraum (1945 – 2007) seien 44 Prozent aller erfassten Konflikte kultureller Natur gewesen. Seit etwa Mitte der 80er Jahre übersteige aber die Anzahl der Kulturkonflikte sogar die Summe der nichtkulturellen Konflikte. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Sowjetunion hätten vor allem religiöse und ethnisch-historisch thematisierte Konflikte auf innerstaatlicher Ebene wie etwa im ehemaligen Jugoslawien, im südlichen Kaukasus oder auf Sri Lanka erheblich zugenommen. Während bei nichtkulturellen Konflikten die Zahl der Auseinandersetzungen und das gemessene Konfliktniveau abnehme, zeigten kulturelle Konflikte ein umgekehrtes Muster. Sie würden häufiger gewaltsam und auch auf den höheren Intensitätsstufen ausgetragen.

Dabei zeige sich aber auch, dass kulturelle Konflikte vor allem innerhalb von Staaten auftreten und nur selten zwischen verschiedenen Staaten zu beobachten sind. So seien vier von fünf kulturellen Konflikten ausschließlich innerstaatliche Phänomene. "Den von vielen prognostizierten ‘Zusammenprall der Kulturen’ wie der des Westens mit dem Islam können wir somit auf internationaler Ebene nicht erkennen", bilanziert Malte Boecker von der Bertelsmann Stiftung. "Dennoch müssen kulturelle Faktoren und Strukturen als verschärfende Faktoren von Konflikten ernster wahrgenommen werden, als dies besonders bei dialogorientierten Akteuren bislang der Fall war. Aber kulturelle Faktoren sind keine Mastervariablen, die im Alleingang das weltweite Konfliktgeschehen erklären können."

Denn gleichzeitig konnte die Studie nachweisen, dass kulturelle Faktoren nicht die alleinige oder wichtigste Ursache darstellen. Wichtige Faktoren seien vor allem Armut, ein geringes Wirtschaftswachstum und die Menge der zur Verfügung stehenden Agrarfläche als Ursachen sozialer Verteilungskämpfe. Als eine besonders kritische Konstellation sieht die Studie insbesondere einen hohen Anteil männlicher Jugendlicher und die sprachliche Zersplitterung in einem Land. Seien beide Faktoren stark ausgeprägt, erhöhe dies die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von besonders gewaltintensiven Konflikten. Nicht bestätigen konnte die Studie dagegen die Annahme, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Grad der religiösen Zersplitterung und der Anzahl von Konflikten gibt. Hier zeigten sich die besonders fragmentierten wie auch die religiös sehr homogenen Gesellschaften relativ konfliktarm.

Trotz der deutlichen Zunahme sogenannter kultureller Konflikte kommen die Autoren der Studie nicht zu einer pessimistischen Prognose. "Gemessen an der Zahl der potenziellen Konfliktlinien kann die Anzahl der tatsächlichen gewaltsamen Konflikte insgesamt als verschwindend gering bezeichnet werden", äußert sich Prof. Aurel Croissant von der Universität Heidelberg zu den Befunden der Studie. Außerdem sei aus dem Vergleich unterschiedlicher Gesellschaften kein Automatismus zwischen kultureller Fragmentierung, Konflikten und Gewalt erkennbar: "Keine einzige vorstellbare kulturelle Zusammensetzung einer Gesellschaft muss zwangsläufig zum Konflikt oder gar zur Gewalt führen. Kulturelle Prägung mag Schicksal sein, kulturelle Konflikte sind es nicht."

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Kultur und Konflikt in globaler Perspektive – Die kulturellen Dimensionen des Konfliktgeschehens 1945-2007
1. Auflage 2009, 102 Seiten, ISBN 978-3-86793-037-6