19.03.2008 17:30 Alter: 245 Tage

Ein neues Haus für postmigrantische Kultur

Kategorie: Kultur, Politik

VON: MP

Das Ballhaus Naunynstraße in Berlin soll eine wichtige Adresse für den postmigrantischen Kunst- und Kulturbetrieb werden. Ein Schwerpunkt wird auf Theater liegen.

Die neue künstlerische Leiterin des Ballhauses Naunynstraße heißt Shermin Langhoff. Erstmals erhält das Ballhaus Mittel des Senats. Bisher wurde das Haus  vom Bezirk nur mit der häuslichen Infrastruktur und zwei Stellen getragen. Jährlich wird das Haus mit 250.000 Euro bezuschusst. In einer Übergangsphase hatte zuletzt die Kuratorin Elke Moltrecht das Haus zu einer wichtigen Adresse für Neue Musik gemacht.

Langhoff, die als freie Kuratorin u.a. am Theater-Hebbel-am-Ufer für den Programm-Schwerpunkt Migration verantwortlich war, machte sich vor allem mit dem Festival Beyond Belonging 2006 und 2007 einen Namen. Neue kulturelle Praktiken von jungen BerlinerInnen mit Migrationshintergrund wurden einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt.  „Trotz aller Intensität, ein Festival ist in der Regel nach einigen Tagen oder Wochen vorbei. Dabei ist es gerade die kontinuierliche Betreuung und Zusammenarbeit mit den Künstlern, die künstlerische Qualität überhaupt erst möglich macht“, fasst Langhoff ihre Erfahrungen kritisch zusammen. Verstetigung und Kontinuität wünscht sie sich daher für die zukünftige Arbeit am Ballhaus. "Migrationsgeschichten" wird dabei ein ganz besonderes Augenmerk gelten.

Das mit Abstand meist gespielte Stück zum Thema Migration ist bis heute Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher aus dem Jahr 1969. Das sagt einiges über den Zustand der Bühnen in Deutschland aus und auch auf dem Feld der Dramatik ist es nicht besser bestellt. Desinteresse ist sicher ein Erklärungsmoment, andererseits werden herkömmliche Konfliktdramaturgien der Komplexität und Widersprüchlichkeit von Biografien der zweiten und dritten Generation heute kaum noch gerecht. Kritik an gängigen Vorstellungen von Repräsentation und Differenz haben das Feld der Darstellung zudem in Frage gestellt.

Nichtsdestotrotz sind „Homestories“ von von Nuran David Calis, Feridun Zaimoglus „Schwarze Jungfrauen“, das Bunnyhill-Projekt der Münchner Kammerspiele, „Faked“ von Nurkan Erpulat, Klassentreffen von Lukas Langhoff und Hülya Duyar, Zeichen für ein langsam erwachendes Interesse an Geschichten aus der polymigrantischen deutschen Realtität  - auch am Theater.
Langhoff geht es bei ihrem Konzept aber um weit mehr, als deutsch-türkisches Theater. „Ohne Migration als Motor der Kultur wären Genres wie der Western und der Mafia-Film nicht entstanden“, sagt sie mit Blick auf die USA.

Während andere Metropolen aus den Suchbewegungen im Kontext von Migration auch künstlerisch schöpfen, ist Berlin bislang tatsächlich eher zurückhaltend gewesen bei der Förderung post-migrantischer KünstlerInnen. Zwischen dem internationalen Kulturbetrieb wie dem Haus der Kulturen der Welt und migrantischen Projekten auf der anderen Seite, klaffe eine große Lücke, stellt Langhoff fest. Hier will sich das Ballhaus in Zukunft positionieren.

„Es kann nicht sein, dass Stücke, die sich mit Migration auseinandersetzen oder multiethnische Theaterensembles noch immer reflexhaft in die Ecke der Soziokultur geschoben werden. Eine Auseinandersetzung mit formalen, ästhetischen und künstlerischen Aspekten wird so verhindert.“

Mit der „Akademie der Autodidakten“ dagegen - einem weiteren Projekt, das am Ballhaus entstehen soll, sucht man bewusst die Zusammenarbeit mit Jugendlichen aus dem Kiez. Soziokultur und kulturelle Bildung sind hier wichtige programmatische Pfeiler für die Arbeit.

Die Eröffnung der Spielstätte ist für den Herbst geplant. Mit „Cafehaus Europa“ wird das erste Stück der „Heimat-Trilogie“ von Nuran David Calis ans Ballhaus kommen. Ein Site-Specific-Projekt will die halböffentlichen anatolischen Kaffeehäuser in Kreuzberg und Neukölln mit eigens entwickelten Aufführungen bespielen und eine imaginäre Landkarte der Türkei visualisieren. Die langjährige Zusammenarbeit mit Neco Celik wird mit einer filmischen Monatsschau fortgesetzt.

 

www.ballhausnaunyn.de

Ballhaus Naunynstraße
Naunynstraße 27
10997 Berlin

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Fax +49 (0)30 3474 598 55