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Europaweite Studie: Deutschland Schlusslicht bei der nationalen Identifikation von Muslimen
Kategorie: Politik, SozialesVON: HK
In ihrer Stadt längst zu Hause, im Land immer noch fremd - das ist nach einer europaweiten Untersuchung das Lebensgefühl vieler Muslime in Deutschland. Anders als etwa in London oder Paris können drei von vier Muslimen sich nicht mit Deutschland identifizieren und fühlen sich ausgegrenzt.
Das Forschungsprojekt "Muslims in Europe" ("Zuhause in Europa"), koordiniert vom Londoner Open Society Institute, hat in elf europäischen Großstädten, darunter Hamburg und Berlin, die Identifikation muslimischer EinwohnerInnen mit der Mehrheitsgesellschaft untersucht. Dafür wurden insgesamt 2.200 Muslime und Nichtmuslime befragt und Gespräche mit VertreterInnen muslimischer Verbände sowie von Politik und Verwaltung geführt.
Erheblich größer als andernorts ist demnach in Deutschland die Diskrepanz zwischen der Identifikation der befragten Muslime mit der Stadt auf der einen und dem Staat auf der anderen Seite. Beispiel Berlin: Hier wurden jeweils einhundert Muslime und Nichtmuslime interviewt sowie sechs Gruppengespräche und achtzehn ExpertInneninterview durchgeführt. Während sich 80 Prozent - gegenüber 76 Prozent der Nichtmuslime - stark mit ihrem Wohngebiet und Berlin identifizieren, empfinden nur halb so viele die gleiche Verbundenheit gegenüber Deutschland. Sogar nur 25 Prozent der Befragten betrachten sich als Deutsche - obwohl jeder Zweite von ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Und nur 11 Prozent sind der Meinung, auch von anderen als Deutsche angesehen zu werden.
Somit unterscheiden sich die Berliner Ergebnisse deutlich vom europäischen Mittelwert: Hier identifizieren sich 61 Prozent auch mit dem Land, in dem sie leben - das sind 20 Prozent mehr als in Deutschland. Spitzenreiterin unter den Städten ist dabei London: Dort haben 72 Prozent der Muslime eine starke Verbundenheit zur Nation, 40 Prozent haben das Gefühl, auch von anderen Briten als Mitbürger betrachtet zu werden.
Die schlechten deutschen Ergebnisse, so Werner Schiffauer, Professor für Ethnologie an der Viadrina-Universität und wissenschaftlicher Berater der europäischen Studie, seien Ergebnis der unterschiedlichen Blickwinkel, mit denen Debatten über Integration auf nationaler und lokaler Ebene geführt würden: "Während der nationale Diskurs abstrakte Fragen wie Werte und Voraussetzungen von Zugehörigkeit in den Fokus stellt, geht es lokal um pragmatische Fragen von Partizipation und praktischem Zusammenleben", so Schiffauer: Der nationale Diskurs grenze aus, der lokale schließe ein.
Wenn Deutschland also "europaweit Schlusslicht bei der nationalen Identifikation von Muslimen" sei, so das Fazit von Berlins Integrationsbeauftragten günter Piening, belege die Befragung, dass dies nicht mit Integrationsunwillen oder gar "Ablehnung der Verfassung" zu tun habe. Stattdessen seien es Ausgrenzung und "Mangel an Anerkennung", die den lokal gut integrierten Muslimen staatliche Identifikation erschwere. Sie fühlten sich "ins Abseits gedrängt", so der Integrationsbeauftragte. Mehr als 50 Prozent der in Berlin befragten Muslime hatten angegeben, persönliche Erfahrungen mit ethnischer oder religiöser Diskriminierung gemacht zu haben.
Ein ausführlicher Abschlussbericht der Studie soll im April veröffentlicht werden.

