22.07.2008 10:19 Alter: 47 Tage

MigMap!

Kategorie: Politik

VON: MP

Das Projekt „MigMap – Governing Migration, eine virtuelle Kartografie der Europäischen Migrationspolitik“ ist im Rahmen von TRANSIT MIGRATION entstanden. Das Anliegen war, parallel zu den Forschungsberichten eine Kartierung der Migration in Europa seit 1989 vorzunehmen.

In den letzten Jahren hat sich in Europa ein neues Grenz- und Migrationsregime herausgebildet, anhand dessen sich neue, z.T. suprastaatliche Formen des Regierens erkennen und darstellen lassen. Dazu gehören z.B. nur noch teilweise oder überhaupt nicht mehr staatlich kontrollierte Organisationen, die im Auftrag der Staatengemeinschaft das Management einzelner gesellschaftlicher Bereiche übernehmen, wie die IOM (International Organization for Migration), oder neue Formen der Wissensproduktion und des Wissensmanagements mittels Datenvernetzung, wie sie z.B. im SIS (Schengen Information System) praktiziert werden.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Kartierungsverfahren  in der Migrationsforschung will MigMap ein Bild davon vermitteln, wie und wo die „Wissensproduktion“ über und durch Migration gegenwärtig statt findet, wer die Akteure dabei sind und wie die neuen Formen des suprastaatlichen Regierens im europäischen Migrationsregime funktionieren. Wie z.B. werden europäische Standards in Politik und Zivilgsellschaft implementiert,  wer ist daran, wie hängen die vielfältigen öffentlichen oder privaten Akteure zusammen und wie sind sie finanziert sind, welche inhaltlichen, räumlichen und personellen Überschneidungen oder Abgrenzungen bestehen, wie sind Zuständigkeiten verteilt und legitimiert und auf welchen Theorien, Begriffen oder Diskursen fußen die aktuell gültigen Paradigmen?  Dabei haben die Karten weniger den Zweck, Gegeninformation über die Migration zur Verfügung zu stellen, sondern Akteure und Strukturen auf der Seite des Regimes darzustellen, auf ihre Funktion hinzuweisen und sie damit kritisier- und verhandelbar zu machen.

Über die vier bisher erarbeiteten Karten „Akteure“, „Diskurse“, „Europäisierung“ und „Orte und Praktiken“ sind zahlreiche Informationen zu einzelnen Akteuren, Debatten, Prozessen und Ereignissen abrufbar, die in ihrem Zusammenspiel das ergeben, was momentan die Europäische Migrationspolitik ist. MigMap repräsentiert Akteure, Strukturen und Praktiken des Migrationsregimes auf der Basis der These von der „Autonomie der Migration“. Aus dieser Perspektive ist es möglich, die aktuellen Verhältnisse nicht als feste Strukturen, sondern als einen Prozess der Aushandlung, des kontinuierlichen Austestens und – auch auf der Ebene der Politik – der Improvisation zu begreifen.

Unter www.transitmigration.org/migmap kann man durch die bislang vier realisierten Karten navigieren. MigMap vermittelt ein Bild davon, wie und wo die „Wissensproduktion“ über und durch Migration zur Zeit stattfindet und wer daran teilnimmt und teilhat.

Auf Karte 1, der Karte der Akteure des Migrationsregimes, sind die unterschiedlichen Akteure der Grenze und der Autonomie der Migration eingetragen. Schriftgröße und Farbe geben Bedeutung und Art der jeweiligen Institutionen oder Organisationen an. Es wird dabei vor allem sichtbar, wie viele unterschiedliche Akteure neben den staatlichen Organen beteiligt sind.

Karte 2, die Karte der Diskurse zeigt das Migrationsregime als Wissensregime. Hier laufen Themenfelder ineinander, verdrängen oder schließen einander gegenseitig ein. Dabei handelt es sich um die wichtigsten Diskurse, anhand deren Migrationspolitik gemacht wird bzw. mit denen zum Zweck der Durchsetzung bestimmter Politiken argumentiert wird: Menschenrechte, Sicherheit, Asylrecht, Trafficking, war on terrorism und weite- re. Einzelne Punkte an den Berührungsstellen der Felder lassen erkennen, welche migrantischen „Subjekte“ hier jeweils konstruiert werden: GastarbeiterInnen, illegale Migranten, Schlepper, Opfer, Wirtschaftsflüchtlinge, politisch Verfolgte.

Karte 3 zur Europäisierung als dezentrale Dynamik der Migrationspolitik stellt die Informierung und Implementierung transnationaler politischer Regulierungen dar. Dazu gehören formelle und informelle Beratungsgespräche, Treffen und Konferenzen und eine Vielzahl von Strategie- und Konzeptpapieren, die laufend präsentiert und wieder schubladisiert werden. Der „Schengen-Prozess“ oder die Debatte um die „Drittstaatenregelung“ sind hierfür paradigmatisch.

Die Karte 4 zu den Praktiken des Grenzregimes verzeichnet die Orte, an denen die Grenze gerade nicht territorial produziert wird: (Flug-)Häfen, Lager, Krankenhäuser, Beratungsstellen, der öffentliche Raum, die eigene Wohnung etc. Anhand von Skalen wird die Bedeutung verschiedener Praktiken der Kontrolle, Regulierung oder ihrer subversiven Unterwanderung ermessen.

Der Eindruck einer punktuellen Ein- oder Übersicht, der sich mit Hilfe der MigMaps vorübergehend einstellen kann, soll weniger dazu dienen, ein objektives Bild der neuen Regierungsformen zu vermitteln, als vielmehr darauf verweisen, wie unsicher, schwankend und unzuverlässig das Terrain der Macht geworden ist und dass diese Unschärfe selbst mit der ständigen Bewegung zu tun hat, in die die Migration die Apparate ihrer Kontrolle zu versetzen imstande ist.

MigMap wurde 2004/2005 von Labor k3000 (Peter Spillmann/Susanne Perin/Marion von Osten/Michael Vögeli) und den ForscherInnen von TRANSIT MIGRATION (Sabine Hess, Serhat Karakayalı, Efthimia Panagiotidis und Vassilis Tsianos) entwickelt und realisiert. Die Karten wurden seither in unterschiedlichen wissenschaftlichen und aktivistischen Zusammenhängen vorgestellt und werden international vorallem im akademischen Kontext für Seminare und Diskussionsveranstaltungen benutzt. Das Projekt wurde von der Kulturstiftung des Bundes/Projekt Migration, von Pro Helvetia, Schweizerische Kulturstiftung und vom Aargauer Kuratorium unterstützt. Für Herbst 2007 sind Updates einzelner Karten vorgesehen.

TRANSIT MIGRATION Forschungsgruppe (Hg.): Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas.  transcript, Bielefeld 2007.

MigMap - Translate it! Text von Peter Spillman (Meldung basiert auf diesen Text)

Die Einforderung der Zukunft - Migration, Kontrollregime und soziale Praxis: Ein Gespräch mit Sandro Mezzadra und Brett Neilson in Jungle World Nr. 23

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Eine kritische Auseinandersetzung mit der "Autonomie der Migration", aus: ak 485 vom 17.6.2004 von Tobias Pieper

Marx' Gespenster in der Debatte um die "Autonomie der Migration" Antwort auf Tobias Piepers Auseinandersetzung von Kanak Attak

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