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Integrationsbericht bemängelt weiterhin große Defizite
Kategorie: Politik, SozialesVON: HK
Die Integrationspolitik der Bundesregierung hat bislang kaum zu einer Verbesserung der Lebenssituation von Migranten in Deutschland geführt. Dieser Schluss ergibt sich aus dem ersten Integrations-Indikatorenbericht, der vergangene Woche in Berlin vorgestellt wurde. Wissenschaftler vom Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik in Köln und vom Wissenschaftszentrum Berlin hatten im Auftrag der Bundesregierung untersucht, welche Fortschritte die EIngliederung von Zuwanderern in den Jahren 2005-2007 gemacht hat. Das Indikatorenset beinhaltet 14 Themenfelder, u.a. die Bereiche Bildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt, soziale Integration und Einkommen, gesellschaftliche Integration, Wohnen, Gesundheit, Mediennutzung und Kriminalität.
Dem Bericht zufolge sind die Jobchancen von Einwanderern nach wie vor geringer, ihr Armustrisiko höher, und sie werden häufiger einer Straftat verdächtigt als ihre deutschen Mitbürger. Gelungene Eingliederung ohne einen Job oder eine Ausbildung ist schwer vorstellbar - doch gerade hier sind kaum Fortschritte zu verzeichnen. Die Arbeitslosenquote von Zuwanderern war 2007 mit 20, 3 Prozent etwa doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Auländische Jugendliche haben zudem seltener einen Ausbildungsplatz gefunden: Während 2008 bei den 18- bis 21-jährigen Deutschen mehr als 57 Prozent eine Ausbildung absolvierten, waren es bei den ausländischen Jugendlichen dieser Altersgruppe nur knapp 24 Prozent. Dies hat jedoch nicht nur mit mangelnden Deutschkenntnissen oder schlechten Noten der Zuwanderer-Kinder zu tun. Selbst wenn sie das Abitur schaffen, sind ihre Bewerbungen deutlich seltener erfolgreich als die ihrer deutschen Altersgenossen. Eindeutig hängt der Misserfolg also auch mit Benachteiligung am Ausbildungsmarkt zusammen. Darüber hinaus haben Migranten mit knapp 27 Prozent ein doppelt so hohes Risiko zu verarmen, wie die Gesamtbevölkerung. Auch im Bereich Bildung gibt es wenig Fortschritte. Noch immer verlassen mehr als doppelt so viele Migranten die Schule ohne Abschluss, als dies bei der deutschen Bevölkerung der Fall ist. Allerdings gibt es aus den Schulen auch positive Trends zu berichten: Zum einen ist die Zahl ausländischer Schulabbrecher zwischen 2005 und 2007 von 17,5 auf 16 Prozent gesunken. Darüber hinaus schneidet die zweite Generation der Zuwanderer, also Jugendliche, die in Deutschland geboren wurden und mindestens einen ausländischen Elternteil haben, deutlich besser ab als ihre Eltern. Sie blieben nur zu 2,2 Prozent ohne einen Schulabschluss -- und waren damit besser als der Gesamtschnitt in der Bevölkerung mit 2,3 Prozent.
Kritiker bemängeln allerdings die Erhebungsgrundlage -- Daten des Mikrozensus, der Bundesagentur für Arbeit, der Länder und der polizeilichen Kriminalstatistik.
Viele dieser Statistiken, zum Beispiel im Bildungsbereich oder zum Arbeitsmarkt, würden noch immer nur Deutsche und Nichtdeutsche erfassen. Eingebürgerte - und damit häufig die erfolgreicheren - Migranten werden mit dem Erhalt des deutschen Passes unter die Deutschen subsummiert. Dies begrenze die Aussagekraft der Statistiken und vermittle ein ausschließlich negatives Bild von Migranten als arm, abgehängt und nur schwer integrationsfähig.
Ruud Koopmanns, Sozialwissenschaftler am WZB, verwies zudem darauf, dass der Migrationshintergrund in vielen Fällen gar nicht das Entscheidende für die unterschiedlichen Ergebnisse von Eingewanderten und Einheimischen seien. "Das kann auch mit Faktoren wie dem Bildungsstand, der Alters- oder Geschlechterzusammensetzung dieser Gruppe zu tun haben", so Koopmanns. Vergleicht man zum Beispiel Mädchen mit und ohne Migrationshintergrund, die aus Elternhäusern mit ähnlichem Bildungsgrad und Einkommen stammen, dann gibt es bei der Wahl zwischen Hauptschule oder Gymnasium keinen Unterschied mehr. Geht man bei der Erwerbsbeteiligung ähnlich vor, schneiden Männer mit Migrationshintergrund sogar besser ab als jene ohne.
Mit Daten zum Beispiel zur Kriminalität müsse man daher sensibel umgehen, sagte der Sozialwissenschaftler. Der Bericht weist auf die doppelt so hohe Kriminalitätsrate bei Migranten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung hin. Faktoren wie die soziale Situation, die Altersstruktur und die Bildung spielten dabei eine wichtige Rolle. Auch würden Migranten deutlich häufiger angezeigt oder von der Polizei kontrolliert. Kriminologen betonen, dass Deutsche in gleicher sozialer Lage ähnlich häufig mit dem Gesetz in Konflikt geraten.
Der Sozialwissenschaftler sprach sich auch gegen Integrationsindizes aus, weil diese wichtige Befunde überdecken würden. Auch die Auswertung von Daten nach den Herkunftsländern der Migranten macht aus seiner Sicht keinen Sinn. "Man sollte nicht alle Probleme ethnisieren", sagte Koopmanns. Wenn man Berliner und Bayern untersuchen würde, fände man auch Unterschiede. Diese aber hätten wenig mit der Herkunft zu tun, sondern eher mit der wirtschaftlichen Situation oder der Altersstruktur in den Bundesländern. Dies ist deutliche Kritik an dem Integrationsindex des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, der jüngst für Schlagzeilen wie "Türken am schlechtesten integriert" gesorgt hatte.
Im kommenden Jahr soll ein zweiter Indikatorenbericht in Auftrag gegeben werden. Die Experten rieten dazu, die Anzahl der Indikatoren dabei deutlich zu reduzieren.

