11.06.2010 17:04 Alter: 88 Tage

Fußball-WM: Vielfältige Nationalmannschaft

Kategorie: Kultur, Politik, Soziales

VON: HK

Elf der 23 Spieler, die bei der heute beginnenden Fußballweltmeisterschaft in Südafrika für Deutschland antreten, haben einen Migrationshintergrund. Das hat Auswirkungen auf das Team selbst, aber auch auf die Gesellschaft.

Kampagne des DFB für Integration

Die Mannschaft ist nicht nur die jüngste seit 1934, die für Deutschland an einer Weltmeisterschaft teilnimmt. Noch nie gehörten auch so viele Spieler mit ausländischen Wurzeln zu einem deutschen WM-Team. Nachdem jahrzehntelang die Walters, Seelers, Beckenbauers, Müllers, Maiers, Völlers, Klinsmanns, Kahns und Ballacks ein urdeutsches Bild der Fußballelf prägten, spiegelt sich die Realität der Einwanderungsgesellschaft nun endlich auch im Nationalteam wider: Elf der 23 Spieler im deutschen WM-Kader haben einen Migrationshintergrund. Der Anteil von Zuwandererfamilien in Deutschland liegt bei rund zwanzig Prozent.

Fußball für Deutschland spielen nun die Söhne von Aussiedlern (Klose, Podolski, Trochowski), aus Einwandererfamilien (Özil, Tasci), von binationalen Elternpaaren (Gomez, Khedira, Aogo, Boateng) sowie von Kriegsflüchtlingen (Marin). Ein Stürmer wie Cacau fand solchen Gefallen an seiner Wahlheimat, in der er zuerst nur als Fußballlegionär seiner Arbeit nachging, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft annahm. Bei der WM 2002 drückte er noch seinem Geburtsland Brasilien im Finale gegen Deutschland die Daumen. "Wir stehen dieser Entwicklung absolut aufgeschlossen gegenüber", sagt Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Inzwischen verfügt auch der Verband über eine Integrationsbeauftragte.

Mit dieser Zusammensetzung des Teams einher geht auch ein neuer Spielstil: Während bisherige deutsche Teams vor allem aufgrund ihrer Kampfkraft gefürchtet wurden, bestechen die jungen Spieler eher durch Tugenden, die bisher nicht gerade mit deutschem Fußball assoziiert wurden: "Sie zeigen Spielfreude, sind viel in Bewegung und unheimlich begeisterungsfähig", so Bundestrainer Joachim Löw.

Manche glauben, nicht nur die gute Ausbildung des Nachwuchses in den Talentzentren, sondern vor allem der Mix der Herkünfte und der Kulturen sei für den Aufschwung mitverantwortlich. Nach der erfolglosen WM 1998 und dem sportlichen Desaster bei der EM 2000 begann der DFB umzudenken. Der damalige Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder forderte, sich mehr um die Eltern von Ausländerkindern in Deutschland zu bemühen. Einher ging die Entwicklung mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000. Deutschland akzeptierte spät, ein Einwanderungsland zu sein - mit Folgen auch für den Fußball. Zur gleichen Zeit modernisierte der DFB sein Talentprogramm, baute im ganzen Land ein Netz von Nachwuchsstützpunkten auf und richtete das Augenmerk verstärkt auf seine Juniorenteams. Die drei EM-Titel in den drei wichtigsten Altersklassen bei den Junioren im vergangenen Jahr und die veränderte Mischung der Nationalelf sind ein Resultat dieser Bemühungen.

Mehr Leistung durch Vielfalt - Löws Elf könnte davon bei der WM profitieren. Ähnliche Erfahrungen wie die Fußballer macht auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), wenn sie im Land unterwegs ist. Zuletzt sprach sie darüber mit Unternehmern. „Sie berichteten mir, dass diese Vielfalt in den Unternehmen mehr Kreativität und Innovation bedeuten würde." Und in Bezug auf die neu formierte deutsche Nationalelf steht für Frau Böhmer fest: „Es gibt keinen besseren Integrationsmotor als den Fußball. Das aktuelle Bild der Mannschaft ist ein Ausdruck unseres Zusammenlebens und Zusammengehörigkeitsgefühls." Doch selbst im Fußball gelingt die Integration nicht immer reibungslos. Özil und Tasci berichten, wie zerrissen sie waren vor der Entscheidung, für Deutschland oder für die Türkei zu spielen. Es geht dabei um die eigene Identität - aber auch Familien, Verbände, Vereine, Trainer und Manager mischen sich ein. Und manches Talent geht noch immer verloren, weil es in Vereinen weiter an kulturellem und religiösem Verständnis mangelt.